Taube Gefühle

Ameisen laufen meinen Arm hinauf, es kribbelt.
Die Haut fühlt sich schwer an, elefantendick.

Fremde Finger halten deine Hand.
Du streichelst den Arm. Ich spür dich nicht.
Der Kopf ist schwer. Ich kann nicht lachen.
Es pocht innendrin.

Meine Wangen sind wie festgefroren.
Die Lippen bewegen sich schleppend.
Meine linke Hälfte, – bin nicht ich.

Schmerzen ziehen mein Bein hinauf, – jeder Schritt fällt schwer.
Nach außen sieht alles normal aus – aber innen geht es kaum mehr.

Alles sieht verschwommen aus, komm ich hier je wieder raus?

Reaktionszeiten dauern länger als geplant,
aber meine Gefühle sind getarnt –
unter einer dicken Schicht Haut,
die in Wirklichkeit gar nicht da ist,
die in Wirklichkeit gar nicht meine ist.

Du kannst es mir nicht ansehen, du merkst es nicht.
Ich muss es dir erzählen,
aber verstehen, wirst du es trotzdem nicht.

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Der Herbst ist verloren

Blaue Fetzen, die das Weiß durchbrechen.
Ein Vogel, der vorbeifliegt und der Wind, der ihn treibt –
Verloren ist der Herbst, er ist längst eingeeist.

Der Winter kam schneller als gedacht und jetzt
muss der Vogel schneller fliegen,
ehe die Kälte ihn kriegt.

Er fliegt schneller als die ander’n,
hat Angst vorm kalten Krieg.
Getrieben vom Wind, immer der Sonne hinterher,
fällt ihm bald jeder einzelne Flügelschlag schwer.

Aber er will und er muss
hat zu große Angst vor’m Tod,
und so müht er sich ab,
fliegt ununterbrochen, ohne Rast.

Mauern mauern

Mauern mauern –
um zu überleben,
um weniger zu denken,
um mich nicht ganz zu verschenken.

Musste sie einreißen, mein Ich kernsanier’n,
konnte nur gewinnen, immer noch besser, als mich zu verlier’n.

Herzfetzen wehen im Wind…

Es gilt jetzt, Mauern schöner bauen,
auf Menschen vertrau’n,
das Herz nicht mehr entzwei’n,
besser es mit einem andern vereinen.

Vielleicht eine Aufgabe auf Lebenszeit…

Konfettiregen ins Nichts

Bunter Knall. Konfetti regnet von überall.
Von oben auf unsere Köpfe
und ich schöpfe
aus dem Suppentopf den Buchstabensalat der Rederei,
die keine ist,
weil niemand weiß, dass es zu spät
und der Satz bereits verloren ist.

Luftschlangen winden sich die Wände entlang,
zerreiß sie vorsichtig, sonst machst du nicht mehr lang.

Bis morgens früh um 6 stehst du auf dem Parkett,
drehst dich im Kreis,
schwimmst in dem Meer,
innendrin bist du schon seit Jahren zu leer.

Dein Inhalt gleicht dem einer leeren Schnapsflasche:
– stinkst erbärmlich
– dein Geist zart bis zärtlich
– dein Wille zu spärlich
– hirntot!
Für dich alles unentbehrlich.

Konfettiregen,
du siehst Farben fliegen durch die Luft,
deine kleinen weißen Tabletten, ziehen dich in die Gruft.

Heldenhaft schwingst du dich in dem Biermatsch umher,
rutscht auf der Treppe – zur Hölle – verderb.

Hast geschaufelt so lange dein eigenes Grab,
wobei deine Seele schon lange vor all dem hier starb.

Die Lichter,
die Kittel
sie wehen im Wind –
Hektik,
ein Sturm,
oh rettet das Kind!

Die Stimme deiner Mutter, sie rastet im Raum,
kannst sie sehen, kannst sie spüren, doch hält sie dich kaum.

Die Stimmen der Kittel verklingen und dann –
springst du über Klippen
verlachst Kittel, spuckst Schaum.

Folgst dem Clown der Tablettenverpackung ins Nichts
du spürst Friede und Freunde
ja, siehst dieses Licht.
Konfetti verteilst du auf dem Weg bis dorthin –
dein Leben eine Party,
dein Wortfortgewinn.

Sandkörner in ihm

Es zieht an ihm vorbei,
sein Leben war nie frei.
Denkt sich: Innerlich tot muss ich sein.
Fragt sich: Wie lang noch hält dieser Schein?

Stunden, Tage ziehen an ihm vorbei,
erloschen liegt er da,
im Raum, entzweit.
Seine Stücke, verteilt,
ein Arm hier, ein Bein dort.
Alle Teile an einem anderen Ort.

Es ist die Hektik, die ihn von sich selbst ablenkt,
fragt sich, ob er seine Zeit denn verschenkt?
Er ist so leer,
merkt, er fehlt sich selbst immer mehr.
Passiv schwimmt er dem Strom hinterher,
treibt mit ihm, dockt nirgends an,
ist immer getrieben vom Nebenmann.

So läuft er mit geschmeidig starken Schritten,
jagt – mit bestimmten Tritten –
doch innerlich, er fühlt es kaum,
zieht alles an ihm vorüber, er – immer in dem selben Raum.

Die Gitterstäbe links, rechts und oben drüber,
sieht er – sein Leben ist bald schon vorüber.
Eingemauert sitzt er in seinem Raum,
ausbrechen nur nach vorne, er glaubt es kaum.

Immer wieder
Peitschenschläge,
sie rufen: Vorwärts, immer vorwärts Mann!

Fällt er, trampeln sie ihn platt.
Gefallen soll er, Fallen nein!
Und so läuft er immer weiter drein,
sein Blick ist leer, so sinnentraubt,
sein Herz so schwer, gar angestaubt.

Wüstenlandschaft in ihm drin,
voll mit Sandkörnern, die alle gleich groß sind.
Ihm nun nichts mehr wichtig ist,
treibt nur noch
und fällt dann bald in dieses eine Loch.

GedankenFresser

Ich weiß,
Du wirst mich packen,
innerlich zerhacken,
Widerstand zwecklos.
Du hast die Macht,
Du bist die,
die über meine Albträume wacht!

Sinnenthoben schweift der ein und der andere Gedanke durch meinen Kopf – bis Du wieder klopfst!
Du, diese bitterböse schwarze Witwe,
die mich frisst, nachdem es schön war,
mich vergisst, nach herkömmlicher Sitte.

Du stehst nicht lange vor der Tür,
Du trittst sie ein –
mit einem Rotweinglas in der Linken, einer Waffe in der Rechten,
glaubst Du, Du kannst mich brechen.

Du, mein Gedanke, Du willst mich fangen,
willst jetzt spielen, mir vorgaukeln zu lieben.
Und dann, wenn es am schönsten war,
dann bricht dein bitterböser giftger Stachel aus dir heraus,
bricht ein, in mich, in mein kleines Haus.
Bin nun verletzt, lieg innerlich am Boden,
seh deine Augen, die freudestrahlend den Schicksalstanz toben.

Gedankenversunken schlafe ich ein,
dein Wein tränkt – drängt mich in diesen Albtraum hinein.
Dunkle Gestalten nun über mir,
schwerelos fall ich-
fliege im Wasser,
die Tiefen, die Massen, sie drücken mich runter,
ein Schimmer, ein Glanz,
meine Sicht nun verschwimmt.

Du frisst mich, stückweise, leise, bestimmt,
dies ist die Rettung, ersehnt und doch schlimm.
Ich versinke, ertrinke,
ich bitte und fleh,
bin in dir nun gefangen,
– so lang bis ich geh.

Neuanfang: Fang neu an

Willkommen in Kartonia!
Leerer Raum mit 4 Ecken und 4 Wänden, einer Decke, Teppichboden.
Ein Fenster, ein Bad, eine Kochnische.
12 Kartons, mehr nicht.
Aber eine Menge Stress,
eine Menge Fragen,
eine Antwort: Tschüss.

Willkommen in Kartonia!
Ich schwör dir, es wird wunderbar.
Pack dein Leben aus – hier kommst du eh vorerst nicht raus.

Also, mach es dir bequem, bald wirst du verstehen,
dass Fragen macht kaum bis wenig Sinn,
denn die Antwort steckt in diesem Raum hier drin.
Es ist ein Neuanfang,
fang neu an!
Wenn nicht jetzt,
wann dann?

Fall in ein offenes Loch

Du verrennst dich auf offener Straße und bleibst an nem Gullideckel kleben.
Stehst da, schaust hinein, in das offene Leben daneben.
Fragst dich, ob Löcher deinen Weg ebnen,
weil dann alles glatt wär – ein Weg ohne Streben.

Es wär dann vielmehr ein Fall auf ne neue Erde
und dein Wunsch wäre sehr, sehr bald selbsterfüllend,
weil du endlich geradeaus laufen könntest.

Ohne Stolpern, ohne Hüpfen,
ohne Irren, ohne Flehen,
ohne Schmerzen, ohne Quälen
ohne Flucht, ungetrieben.

Es wäre kein Verlaufen, sondern Laufen ohne Hast.
Frei laufen zu dir selbst, ohne äußeren Knast.

Lügenwelt

Sie will die Lügen zerstückeln.
Sie will weniger davon.
Sie will mehr Sicht.
Sie will mehr sich!

Und wenn sie so da liegt am Boden zerstört, verstört, gestört.
Sich in Ihrer Ecke zusammenkauernd einfaltet, den einen Traum nun wieder neu gestaltet.

Wartend und immerzu rätselnd über dieses bisschen Traum, der ihr noch geblieben von dem Alten,
verschrieben von uns, wir, die ihr eintrichterten und gleichwohl versicherten, dass alles wird,
und alles Schlimme wieder besser und sie auch wieder stärker wird.

Sie sitzt so da und starrt die Wände an.
Links – nach rechts – und dann die Decke.

Kahlheit, Fahlheit, Falschheit umgeben sie. Mauern sie ein.
Wände, hohe Wände und sie mittendrin,
verloren, einsam, ahnend, dass doch die Wände bröckeln
wie die Lügen, die man ihr erzählt hat.

Die Lügen, die die Welt zusammenhalten,
denn sonst hört sie auf zu drehen.
Wenn alle merken, dass sie doch nur drum flehen,
um die Drehlügen, die uns vorwärts lassen,
die wir angeblich so hassen.
Aber die wir doch so sehr brauchen, um zu sein.

Sehen sie nicht, dass sie sich im Lügentunnel drehen?
Verstehen sie nicht, dass sie es nur machen, um das nicht zu sehen? Lügen, die betrügen wie es ist?
Warum sehe ich es, fragt sie sich schreiend.
Die Wand anschreiend, innerlich, verschwiegen, leise.

Leise schreiend und weinend steht sie auf und geht zu auf die Wand.
Die Risse, in alle Richtungen, winden sich, ineinander, die Lügen, betrügen, verrücken,
zerstückeln einander zu neuen Eindrücken; die auch nicht das sind, was sie uns versprechen.

Was ist schon Liebe, die man ihr versprach,
wenn sie doch so schnell verlischt, zischend.
Sie fischte sie einst aus dem tiefen Meer.
Nun ist sie versunken, ertrunken in schwarz nun gehüllt.
Erstickt, verreckt in den Tiefen, die das Meer ihr versprach.

Was ist schon Gerechtigkeit?
Die wir auf der einen Seite brauchen und doch so oft nicht verstehen, weil wir es anders sehen.
Wo fängt Gerechtigkeit an und wo ist sie bereits ungerecht?
Und wieso ist es so schwer diese beiden Rechte zu ertragen?

Wozu müssen wir immer über Gefühle reden?
Sie haben sie doch letztlich fertig gemacht. Sie hält nicht viel von Gefühlen, nicht mehr.

Wozu verzeihen wir oberflächlich?
Wenn es doch trotzdem immer zwischen uns steht.

Wieso vergeben wir nicht wirklich, wenn wir es doch sagen?
Wieso lügen wir uns an, nur um vorwärts zu kommen?
Wieso fühlt es sich so mies an nicht richtig verzeihen zu können?
Und wieso fühlt es sich so mies an,
wenn einem verziehen wird und man trotzdem ein schlechtes Gewissen hat?
Wenn es doch verziehen ist und angeblich alles auf null?

Sein oder nicht sein?
Schwimmen, untergehen oder schweben und davon fliegen?
Das Meer ist rau und doch auch seicht. Wie wäre es mit der Wahrheit, vielleicht?

Wieso muss sie mit den Verrücktheiten in diesem Meer mitschwimmen?
Sie will aussteigen, dieses Meer vernichten, etwas Neues errichten,
davon dann den Lügnern berichten, eben etwas Wahres errichten.
Auf das Wahre nicht mehr verzichten: vernichten, vernichten, vernichten.

Sie spürt das Verlangen, ein letztes innerliches Bangen,
dennoch beginnt ihr Finger ganz automatisch, sadomasochistisch, fanatisch
die Risse, die Tapete wegzureißen!
Es zu zerreißen, das Lügenmeer, tief und schwer,
schwarz wie die Nacht, die über ihren Traum gewacht,
der nun verlacht, allmählich verblasst.

Seitdem sie weiß, was es heißt,
verloren in Lügen, die sie und uns alle betrügen.
Seitdem sie weiß, dass ihr Traum nicht mal einen Traum wert war.

Sie z-e-r-s-t-ü-c-k-e-l-t was sie greifen kann,
nur an das letzte obere Stück, da kommt sie nicht ran.
Das letzte Stück, bleibt über ihr.
Ein Mosaik, aus Lügen das zusammenhält.

Warum und wieso?

Und erkennt, dass die Lügen stets da waren und jeder sie braucht
um sich zu drehen,
um die Welt zu verstehen.
Die ohne die Lügen auseinanderfallen würde, mürbe in sich, bröckeln,
und sie würde nicht lange damit fackeln, so zu wackeln, dass sie bricht.

Die kleine Welt von jedermann und die große Welt von Allemann.

So lässt sie die Lügen Lügen sein und hofft halt still für sich allein, dass die die sie nun weggerissen, totgetrampelt,
sie nicht missen wird.

Und dass ihre kleine heile Welt,
mit weniger derartiger Lügen hält.